Mein erstes Turnier – Der 5. Hamburger Whitebelt Cup

Was soll ich sagen? Mein erster Wettkampf und meine ersten zwei Niederlagen liegen hinter mir. Geplant war das natürlich anders, aber alles zu seiner Zeit.

Die Vorbereitung

Im Nachhinein habe ich bei der Vorbereitung (die letzten Beiträge im Trainingstagebuch) einige Fehler gemacht, die ich kurz thematisieren möchte, damit ich (und vielleicht auch Du) sie beim nächsten Mal vermeiden kann.

Ich hatte mein letztes Training vor dem Turnier am Dienstag und der Cup war am Samstag. Jetzt fragst du dich vielleicht wieso, und die Antwort ist einfach. Ich musste Dienstagabend von der Arbeit aus nach Köln und bin von dort aus mehr oder weniger direkt nach Hamburg gefahren (mit einem kurzen Boxenstopp in Kassel). Das war nicht optimal, aber ich wollte unbedingt auf das Turnier und es einfach durchziehen.

Der zweite Fehler war mein Gameplan. Wenn Du die Beiträge vor diesem Beitrag gelesen hast weißt Du, das mein Fokus in den letzten Wochen vor dem Wettkampf auf “Pressure Passing” lag (was auch ziemlich gut funktioniert hat). Und was war mein Gameplan? Guard zu pullen, mir den Overhook zu holen, in die Mount zu sweepen und erst dann “mein Game” zu starten und von oben zu submitten…

Warum habe ich das gemacht? Ich mag die Guard, hab schlechte Takedowns und ich mag Positionen in denen ich als erstes sehr gute Kontrolle habe. Guter Plan also. Nicht. Ich mag die Guard, weil ich sie hauptsächlich gegen Leute spiele, die wesentlich leichter sind als ich und das bringt uns auch zu meinem dritten Fehler.

Ich bin beim Rollen nicht aktiv auf Jungs in meiner Gewichtsklasse zugegangen, sondern habe immer den genommen, der am nächsten dran war und Zeit hatte. Nicht falsch verstehen! Ich glaube natürlich man muss mit allen rollen um sich zu verbessern und sich dabei einfach auf andere Sachen konzentrieren, aber wenn Du mich fragst wann ich vor dem Wettkampf das letzte Mal mit jemandem trainiert habe der schwerer als ich ist und mich richtig gesmasht hat, könnte ich es dir nicht sagen.

Kurzfassung: Großer Abstand zwischen letzter Einheit und Turnier, falscher Gameplan und zu wenig Porrada.

Bildergebnis für every da y porrada

Die mentale Seite möchte ich übrigens auch kurz erwähnen. In meinem Kopf war ich auf 3 Kämpfe bis ins Finale eingestellt (fragt mich bitte nicht wieso) und als ich dann die Brackets gesehen habe ging der Stress schon los. Bist Du dafür fit genug? Wieso sind das so viele? Wie sich herausstellte, war der Stress aufgrund meines frühen Ausscheidens natürlich völlig unbegründet, aber das nächste Mal rechne ich mit mindestens 5 Kämpfen.

Packliste
• Gi
• Rashguard (umsonst)
• Hoody
• Waffeln
• Reiswaffeln
• Wasser
• Mandarinen
• Mundschutz

(erweiterte) Packliste beim nächsten Mal
• Tape
• Spats/Boxershorts die der Aufgabe gewachsen sind
• Mehr Wasser
• Warme Socken
• Brudiletten
• Kabellose Kopfhörer
• Playlist
• Warm-up Routine (ich habe einfach nur zusammenhangslos Sachen gemacht)
• Duschzeug

Mein erster Kampf

“Entspann dich. Es ist wie hartes Rollen mit Zuschauern (die alle auf ihr Handy gucken).”

Ich war zu dumm den Plan zu lesen und bin 3x durch die “Gleich bist du dran-Hölle” gegangen.
Von meinem ersten Kampf weiß ich nicht mehr so viel und ich hatte bisher auch nicht das dringende Bedürfnis ihn mir nochmal anzugucken, denn das Wort “Fail” dürfte diese 2 Minuten meines Lebens wohl am Besten beschreiben. Was ist passiert?

Guard gepullt und die Closed Guard zugemacht. So weit so gut. Nächster Schritt? Genau, den Overhook holen und den Arm mit einem Griff zum Kragen trappen. Das Problem? Der Overhook. Es stellt sich heraus, wenn dir jemand in deiner Gewichtsklasse keine Körperteile zur Verfügung stellen möchte, ist es eine Menge Arbeit ihn vom Gegenteil zu überzeugen.

Gedrillt war: Overhook holen, wenn er sich dagegen wehrt der Hip Bump Sweep. In der Situation als ich mir den Overhook nicht holen konnte zweifelte ich aber plötzlich massiv an meiner Hip Bump Sweep-Kompetenz. Das Ergebnis? Stillstand und ein Gegner der sich mit aller Kraft von mir wegdrückt. Dann ein Zwischenruf “der Armbar ist da” und ich denke so “ja, gestreckter Arm, hat er gerade nicht auf dem Schirm, let’s go”. Das Problem? Ich habe noch nie live einen Armbar gezogen. Das Ergebnis? Gesmasht werden und unten in der Sidecontrol landen.

Hier fängt die Erinnerung an schwammig zu werden, denn ab hier war es Stress. Einen freundlichen Trainingspartner um die 75 Kilo im Training auf der Brust zu haben ist schon kein Spaß. In einem Wettkampf um die 100 Kilo auf einem zu haben, war dann überhaupt nicht spaßig.

Also ich will jetzt nicht übertreiben, aber damit konnte ich schon in meiner Kindheit beim “Catchen” nicht gut umgehen. Schwitzkasten, “Bizepsreiten” und auf die Brust setzen. Diesen Kontrollverlust und keine Möglichkeit zu sehen sich zu befreien, fand ich schon früher extrem anstrengend.

So haben sich meine Instinkte dann irgendwann dazu entschieden sich auf den Bauch zu drehen, was eine ziemlich dumme Idee war, weil ich dort fröhlich mit einem RNC begrüßt wurde und tappen musste. Das war mein erster Kampf.

Bildergebnis für rear naked choke meme

Der zweite Kampf

Mein zweiter Kampf war dann schon ein Kampf gegen mich selbst. Ich war ziemlich abgefuckt, dass ich mich nicht auf Escapes konzentriert hatte und mein YouTube-Verlauf aus Submissions besteht, die ich in den nächsten 2 Jahren nicht auspacken werde…

Ok, Gameplan verkackt und du willst nicht nochmal, dass deine Guard bricht und jemand auf deiner Brust sitzt. Plan ändern. Takedown, Pass, Mount, Submit.

Und dann kommt die Überraschung: Der gleiche Gegner. Doppel-K.O.-System, kann passieren.

Die ersten 3 Minuten müssen für jeden Beobachter eine Qual gewesen sein. Judo von zwei Leuten ohne Takedowns trifft es wohl am ehesten.

Dann Serkans Stimme aus der Ecke:

“Er steht schlecht”

30 Sekunden später in meinem Kopf:

“Moment, er steht schlecht!? Feger!”

Gedacht, getan. Feger und oben in der Sidecontrol gelandet. Zurück in die Half Guard, ich konzentriere mich nicht auf den Pass und die Kontrolle sondern werde gierig und versuche den Ezekiel zu landen. Das Ergebnis? Wird natürlich nichts. Er shrimpt raus, wirft/rollt mich auf meinen Rücken, ich kriege ihn in die Triangle.

Ich kann die Triangle nicht ziehen, werde gesmasht, Scramble, Chaos, ich lande unten in seiner Sidecontrol (Hello again). Kämpfe mit aller Kraft gegen seine Kontrolle an, “hip bumpe”, shrimpe raus, “hip bumpe”, shrimpe raus… er mountet mich (WTF Jannik!?), ich komme nicht raus, die Zeit ist um. Ich verliere nach Punkten.

Die Erfahrung

2x verloren, war doof, Ende.

Nein, natürlich nicht. Im Nachhinein bin ich mega froh, dass ich mich der Sache trotz ungünstigen Umständen gestellt habe. Man hat immer diese Stimme im Kopf die sagt “Du bist noch nicht so weit” oder “Du kannst nicht jeden Tag trainieren” und dann schiebt man den Wettkampf vor sich her und irgendwann fühlt man sich zu alt, schämt sich bei einem Anfänger-Turnier mitzumachen, hat Kinder oder was auch immer einem dann einfällt.

Ich habe in meiner aktiven Thaibox-Phase keinen Wettkampf hinbekommen und aufmerksame Leser wissen, das nervt mich immer noch. Darum wollte ich dieses Mal auch ins kalte Wasser springen. In meinem Kopf klang das ungefähr so: “Das ist BJJ, Du kannst nicht K.O. gehen, was soll passieren?”. Natürlich eine Menge (das ist Kampfsport), aber ich habe mir die Sache einfach klein geredet und wollte die Erfahrung mitnehmen.

Was war das für eine Erfahrung? Eine großartige! Der Teil mit dem Verlieren natürlich nicht, der nervt immer noch ein bisschen, aber die Turnier-Erfahrung an sich war killer!

Seit der Anmeldung war ich tiefenentspannt. Die Woche vorher? Tiefenentspannt! 3 Tage vorher? Wenn ich mir den Ablauf des Kampfes vorgestellt habe ein bisschen aufgeregt. Am Tag des Turniers?

Bildergebnis für nervous meme
Ich dachte mein Herz springt aus der Brust und musste den Adrenalinausstoß vor dem ersten Kampf 3x mitmachen, weil ich zu blöd war mein Bracket und den Plan ordentlich zu lesen.

Vorher dachte ich auf der Matte würde im Wettkampf pures Chaos herrschen. Durch die Aufmerksamkeit der Zuschauer, das im Mittelpunkt stehen (mit das größte Problem) und die vielen Geräusche, dachte ich, ich würde vor Reizüberflutung gar nichts gebacken kriegen.

Und dann kam der Handshake und auf einmal ist alles um Dich herum still. Du atmest schneller, aber es ist still. Du hörst deine Gedanken: “Erst den Kragen, dann den Trizeps…” und beruhigst Dich langsam. Dann kommen langsam ausgewählte Stimmen dazu, aber nicht viele, geschätzt um die 4. Du hörst deine Ecke, seine Ecke, den Ref und nimmst deinen Gegner war. Das wars. Kein Publikum, keine Durchsagen, keine andere Matte. Nichts.

Davor denkst Du dein Herz explodiert, währenddessen bist Du mega fokussiert und fragst dich wo deine Luft ist und danach? Danach bist Du müde und glücklich und wenn Du verloren hast gleichzeitig ein kleines bisschen abgefuckt. Alles halb so wild.

Eine wichtige Erkenntnis war: Ich bin “coachable”. Ich habe meiner Ecke zugehört und umgesetzt was mir gesagt wurde. Zwar nicht gut, aber hey, jeder fängt irgendwo an.

Wenn Du über die erste Teilnahme an einem Amateur-Turnier nachdenkst und dir unsicher bist, kann ich nur sagen: Mach es, wenn dein Trainer dir grünes Licht gibt! Es ist wie das Bewerbungsgespräch, Date, Battle bei 8 Mile oder die Präsentation vor der man irgendwann in seinem Leben Panik hat. Du fühlst Dich als hättest Du einen Herzinfarkt, Dir ist schlecht und Du denkst Du schaffst das nie.

1 Jahr später arbeitest Du in einem neuen Job, hast die beste Freundin/den besten Freund, verkaufst Millionen von Platten und hast 14 Punkte in Bio oder einen neuen Kunden. Und warum? Weil Du dich der Sache gestellt hast.

Das nächste Mal

Ich möchte nie wieder einen Wettkampf verlieren, weil ich keine Luft habe und ein Game spiele mit dem ich in meiner Gewichtsklasse wenig Erfahrung habe. Die nächsten Turniere möchte ich unter 94,1 kg (mit Gi) wettkämpfen, da 92/93 kg mein absolutes Wohlfühlgewicht sind und die Jungs da drüber wirklich schwer werden. Mit Boring But Big, einem Kilo Rinderhack und Magerquark am Tag und viel Reis könnte ich mich zwar eine Gewichtsklasse höher kämpfen, aber das ist kein Ziel für 2019.

Das Turnier – Der Hamburger Whitebelt Cup

  • Die Organisatoren legen großen Wert darauf, dass keine fortgeschrittenen Sportler aus anderen grapplinglastigen Kampfsportarten am Turnier teilnehmen
  • Doppel K.O.-System (mehr Kämpfe = mehr Erfahrung)
  • Sehr gut organisiert
  • Günstig
  • Weltoffenes und cooles Team
  • Das perfekte Turnier für den ersten Wettkampf

Fazit

Wenn Du dich für die Teilnahme an Wettkämpfen interessierst kann ich es Dir nicht genug ans Herz legen. Du wirst deine Grenzen kennenlernen, deine Komfortzone verlassen, aufregende Momente als Zuschauer deines Teams haben und viel über Dich lernen.

Solltest Du Dich für deine erste Teilnahme entscheiden und der Hamburger Whitebelt Cup anstehen, kann ich Dir diesen nur wärmstens empfehlen für deine ersten Wettkampferfahrungen!

Danke!

Das Wichtigste zum Schluss: Danke an meinen Gegner und Danke an mein Team! Danke an Dima, Serkan, Björn und Timucin die den Häuptling würdig vertreten haben und eine enorme Hilfe waren. Danke an jeden der mitgekommen ist, das Team in Kassel und natürlich an Sifu! Und zu guter letzt ein großes Danke an die Organisatoren. Eine sehr schöne Veranstaltung für Anfänger an der ich nächstes Jahr sehr gerne wieder teilnehmen würde (wenn ich dann noch darf und zu diesem Zeitpunkt nicht schon 10 Turniere hinter mir habe). In diesem Sinne, Usss!

P.S. Da die Uni und Arbeit mich aktuell ziemlich fordern und ich Schwierigkeiten mit einem regelmäßigem Content-Format habe, wird das Trainingstagebuch vorerst leider auf Eis gelegt.